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Die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation | Stand 22.03.2026 | |||||||||||
| Über die soziale Mitteilungsfunktion hinausgreifen | |||||||||||||
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Walter Benjamin hat in seinem Essay „Probleme der Sprachsoziologie" (Zeitschrift für Sozialforschung, 1935; Gesammelte Schriften III, S. 452480) die implizite These, dass Sprache als transzendentales Möglichkeitsinstrument immer wieder über ihre soziale Mitteilungsfunktion hinausgreifen muss, weil sie andernfalls nicht einmal diese Mitteilungsfunktion erfüllen kann (angesichts heutiger Chatbots ein Gedanke von bestürzender Aktualität), mit einer Anekdote verbunden, die demonstriert, wie schwer die sprachliche Inbegriffnahme des Menschengemachten sein kann. Dieses Hinausgreifen klingt zunächst wie eine gute Nachricht: Sprache leistet mehr, als sie sagt, sie trägt über ihre Informationseinheiten hinaus Beziehung, Kontext, einen ganzen Möglichkeitsraum mit, ohne den selbst die simpelste Mitteilung ein totes Datenstück bliebe. Aber man sollte Benjamins Sprachdenken nicht vorschnell als Lob des kommunikativen Überschusses lesen. Was Benjamin beschreibt, ist weniger eine Errungenschaft als ein Verlust: der Abfall von der adamitischen Sprache, in der Name und Sache eins waren, zur menschlichen Sprache, in der das Zeichen willkürlich geworden ist. Dass Sprache über sich hinausgreifen muss, ist bei Benjamin kein Triumph, sondern eine Trauerarbeit der nie endende Versuch, eine Unmittelbarkeit wiederherzustellen, die es in der menschlichen Sprache nicht mehr gibt und nie mehr geben wird. Sein Hinausgreifen zielt auf eine Sprache, die nicht mehr kommunizieren müsste, weil sie nicht mehr bezeichnete, sondern benennte. |
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| Das ist eine melancholische, im Kern theologische Diagnose. Aber sie trifft etwas Reales: Der Überschuss, den jede Mitteilung mitführen muss, um überhaupt als Mitteilung zu funktionieren, ist nicht harmlos. Derselbe Überschuss, der Verständigung ermöglicht, öffnet den Raum in alle Richtungen. Die Mutter sagt „Komm her", ihre Körpersprache sagt „Bleib weg", und das Kind kann nicht gewinnen, weil der Überschuss die Mitteilung vergiftet Gregory Bateson hat diese Struktur als Double Bind beschrieben. „Sei spontan!" ist die Kurzformel: eine Aufforderung, die sich durch ihren eigenen Überschuss aufhebt, weil Spontaneität auf Kommando keine ist. Gesellschaftliche Tabus funktionieren nach demselben Muster: Das Ungesagte, das mitschwingt, ohne ausgesprochen zu werden, ist oft mächtiger als das Gesagte. Wer in bestimmten Kontexten bestimmte Dinge „einfach weiß", ohne dass sie je formuliert wurden, ist in eben diesem Überschuss gefangen und durch ihn gebunden. Das wirft eine Frage auf, die zunächst absurd klingt, aber für die Gefahren der Sprache sensibilisiert wie kaum eine andere: Wer hat eigentlich von wem was? Benutzt der Mensch die Sprache oder benutzt die Sprache den Menschen? William S. Burroughs hat die Antwort radikalisiert: Language is a virus from outer space. Sprache ist kein Werkzeug, das wir führen, sondern ein Parasit, der uns führt, der Überschuss gehört nicht dem Sprecher, er gehört der Sprache selbst. Man muss Burroughs' Metapher nicht vollständig folgen, um ihren diagnostischen Wert zu erkennen: Wer Sprache ausschließlich als Instrument betrachtet, das Menschen nach Belieben einsetzen, unterschätzt systematisch, was sie mit denen anrichtet, die sie gebrauchen. |
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| Die dreifache Unwahrscheinlichkeit Niklas Luhmann hat dem Sachverhalt, den Benjamin von der Seite des Verlusts und Burroughs von der Seite der Infektion her beschreiben, systemtheoretische Schärfe gegeben. In „Soziale Systeme" benennt er drei Unwahrscheinlichkeiten, die jede Kommunikation überwinden muss: erstens die Unwahrscheinlichkeit, dass jemand überhaupt versteht, was gemeint ist, weil jedes Bewusstsein in seiner eigenen Sinnwelt operiert; zweitens die Unwahrscheinlichkeit, dass die Mitteilung Adressaten erreicht, die über den unmittelbar Anwesenden hinausgehen; drittens die Unwahrscheinlichkeit, dass der Empfänger das Verstandene als Prämisse eigenen Handelns annimmt. Kommunikation ist bei Luhmann keine Übertragung von Inhalten aus Kopf A in Kopf B, sondern ein emergentes Ereignis, das niemandem gehört weder dem Sprecher noch dem Hörer. Sie passiert, oder sie passiert nicht. Dass sie gelingt, ist der Ausnahmefall. Im Licht von Benjamins ambivalentem Überschuss verschärft sich Luhmanns Diagnose: Kommunikation ist nicht nur unwahrscheinlich wenn sie gelingt, ist nicht gesichert, dass das Gelingen selbst nicht pathologisch ist. Der Double Bind ist auch gelingende Kommunikation, nur eine, die zerstört. Das salopp-einvernehmliche Verstehen zwischen Insidern eines Machtnetzwerks ist auch gelingende Kommunikation, nur eine, die auf dem Schweigen über das Wesentliche beruht. Luhmanns Unwahrscheinlichkeit betrifft also nicht nur die Frage, ob Kommunikation zustande kommt, sondern auch die Frage, was zustande kommt, wenn sie zustande kommt. |
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| Chomskys Zynismus Wie sich die Diagnose dieses strukturellen Defizits missbrauchen lässt, zeigen die Epstein-Akten. Aus ihnen spricht ein salopp-einvernehmliches Verhältnis zwischen Noam Chomsky und Jeffrey Epstein. Wenn nicht alles täuscht, was man diesbezüglich dem Wust von Mails, Fotos und E-Mails entnimmt, so stimmte jedenfalls die Chemie zwischen den beiden, sie scheinen, in weichen, nicht rechtsfähigen Termini gesprochen, auf einer Wellenlänge: Chomsky, der weltberühmte MIT-Professor, brillanter Linguist und politisch-moralischer Aktivist seit Jahrzehnten, eine linke Ikone der Kapitalismuskritik, im munteren, immer auch männerwitzelnden Austausch mit dem damals schon verurteilten Sexualstraftäter Epstein auf der anderen Seite. 2019 bat Epstein Chomsky um Rat, wie auf den öffentlichen Druck über ein Jahrzehnt nach seiner Verurteilung und Strafabbüßung zu reagieren sei. Chomsky riet, gar nicht erst in Kommunikation mit den Vorhaltungen zu treten, die mediale Kritik zu ignorieren, vorderhand um die Angriffsfläche nicht zu vergrößern, womöglich aber auch aus tieferliegenden Gründen eines opaken Sprachverständnisses, wie es aus Chomskys Beschwörung des „Geheimnis"-Charakters von Sprache spricht, die zuallerletzt ein Mittel der Kommunikation sei, zunächst jedoch ein Werkzeug des immer schon begrenzten Denkens, „verstreute Fragmente" eines inneren Dialogs, nicht kommunikabel im Sinne einer Verständigung über eine im Ganzen stets obskur bleibende Wirklichkeit, von der sich im letzten nur sagen lasse, dass „was für mich unvorstellbar" ist, kein Kriterium abgibt für das, „was existieren kann". Chomsky beschreibt damit etwas, das Benjamin und Luhmann auch beschreiben die begrenzte Reichweite sprachlicher Verständigung. Aber er zieht eine Konsequenz, die weder Benjamin noch Luhmann gezogen hätten: Wenn Sprache ohnehin nicht zur Kommunikation taugt, wenn sie bestenfalls verstreute Fragmente eines inneren Dialogs hervorbringt, dann ist das Schweigen keine Verweigerung, sondern Realismus. Luhmanns dreifache Unwahrscheinlichkeit wird bei Chomsky zum dreifachen Freibrief. Und in Burroughs' Terminologie gesprochen: Chomsky immunisiert sich gegen den Virus, indem er behauptet, es gebe gar keine Ansteckung während er längst infiziert ist, nämlich durch die unausgesprochene Komplizenschaft eines Milieus, in dem das Schweigen selbst die wirksamste Form der Kommunikation darstellt. |
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| Eine Lizenz zum Unaussprechlichen Ist das, was sich in Chomskys vergangenes Jahr noch einmal bei Suhrkamp erschienenem Buch „Was für Lebewesen sind wir?" nachlesen lässt, etwa eine Anleitung zur Lektüre der Epstein-Akten? Also man lese im Sinne von: „verstreute Fragmente", die das ganze Ausmaß der Frauen entwürdigenden Realität eher verschleiern als enthüllen? Weil dort entweder geschwärzt agiert wird, oder tatsächlich derart fragmentarisch, dass den obszönen Dokumenten rechtlich nicht beizukommen ist, linguistisch gesprochen: ihre Bedeutung lautlos gehalten wird? Werk und Autor lassen sich nicht aufeinander reduzieren, aber wenn man schon nach Anhaltspunkten im professionellen Sprachverständnis des Sprachmagiers Chomsky fragt (bei Philosophen rangiert er als „realistischer Metaphysiker"), dann liest sich die Hintanstellung der kommunikativen Funktion von Sprache wie eine Lizenz zum Unaussprechlichen, das man sich genehmigt, wenn es die Umstände von elitären Netzwerken erlauben, ohne darüber öffentlich zu reden, ohne rechtlich belangbar oder auch nur politisch-moralisch rechenschaftspflichtig zu sein. Zieht dieser „Mysterianismus", mit dem Chomsky systematisch die begrenzte Reichweite von Sprache markiert, am Ende also auch die „Nachlässigkeit" (Valeria Chomsky) im Umgang mit sprachlich kodiertem Missbrauch Minderjähriger nach sich? Wenn Sprache sowieso nicht so recht zur Kommunikation taugt, kann ich ihre Wortgestalten auch ignorieren. Das gelte, so schrieb Chomsky 2019 in der zitierten Beratung Epsteins, „insbesondere jetzt, wo eine Hysterie um den Missbrauch von Frauen entstanden ist, die so weit gegangen ist, dass schon das Infragestellen einer Anschuldigung ein Verbrechen ist, das schlimmer ist als Mord". Chomsky gehörte nicht zu denen, die auf der Sex-Insel des im selben Jahr abermals in einer Zelle einsitzenden und dort gestorbenen Epstein waren, aber allein das vorstehend zitierte verstreute Fragment macht klar: politisch-moralisch stürzt hier jemand aus großer Fallhöhe. |
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| Die Tautologie der Begrenzung Wittgenstein hat geschrieben: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Der Satz wird oft als Beschränkung gelesen was ich nicht sagen kann, existiert für mich nicht. Aber er lässt sich auch umgekehrt lesen: Wer die Grenzen seiner Sprache verschiebt, verschiebt die Grenzen seiner Welt. Und er lässt sich, radikaler, als Tautologie lesen: „Die Grenzen meiner Welt sind die Grenzen meiner Welt." Was auch immer die eigene Welt begrenzt Sprache, Verstand, Wahrnehmung, Subjektivität, Tradition, Wahn , es setzt sich selbst als unhintergehbar. Die Begrenzung begründet sich aus sich selbst, und gerade darin liegt ihre Macht: Man kann sie nicht von außen kritisieren, weil es kein Außen gibt, das nicht bereits von den Grenzen der eigenen Welt definiert wäre. Das ist die tautologische Falle, die René Magritte mit „Ceci n'est pas une pipe" in ein einziges Bild gebannt hat: eine Tautologie des Widerspruchs, die endlos um sich selbst rotiert. Das Gehirn springt zwischen Bild und Text hin und her, ohne dass sich das Paradox je auflöst kein Durchbruch, keine Öffnung, nur die permanente Rotation um den eigenen Widerspruch. Das ist etwas fundamental anderes als ein Zen-Koan, das ebenfalls das begriffliche Denken zum Zusammenbruch bringt, aber in die Stille führt, in eine Öffnung jenseits der Sprache. Magrittes Pfeife führt nirgendwohin. Sie ist eine kommunikative Blockade. Chomskys Mysterianismus hat dieselbe tautologische Struktur: Sprache taugt nicht zur Kommunikation, also muss ich nicht kommunizieren, also kann niemand beweisen, dass ich hätte kommunizieren sollen ein geschlossener Loop, der sich selbst immunisiert. Die elitären Netzwerke, deren Schweigen er bedient, operieren in eben dieser Tautologie: Was nicht gesagt wird, existiert nicht; was nicht existiert, muss nicht gesagt werden. |
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| Territorien und Gewalt Sprache kann Gebiete der Imagination, die kein Fuß je betreten wird, besetzen, befreien, bewohnen oder aufgeben. So lassen diese sich, um eine von Gilles Deleuze und Félix Guattari geprägte Begriffsordnung zu verwenden, aktiv de- und reterritorialisieren. Wittgensteins Sprachgrenzen und Deleuze/Guattaris Territorien berühren sich hier: Wer die Sprache zur Reterritorialisierung einsetzt, verschiebt tatsächlich Weltgrenzen nicht nur imaginäre. Das ist leider nicht immer ein gewaltfreier Vorgang, jedenfalls nicht in der wirklichen Welt, etwa in Minneapolis, wenn autoritäre Politik im Namen verrückter Ideen der angeblichen Wiederherstellung einer romantisch-fiktiven Heimatkonstruktion die reale städtische Heimat unterschiedlichster Menschen von paramilitärischen Banden besetzen und terrorisieren lässt, weil die heterogenen städtischen Verhältnisse das lügenhafte Versprechen simpler Lösungen für alle Gegenwartsprobleme schon bei oberflächlichster Betrachtung entlarven. Die sprachliche Besetzung von Territorien ist ein Double Bind im großen Maßstab: Die Sprache der Befreiung und die Sprache der Unterwerfung bedienen sich desselben Überschusses, derselben Fähigkeit, über das Gesagte hinauszugreifen und Wirklichkeiten zu schaffen, die es ohne sie nicht gäbe. Und Chomskys Mysterianismus erscheint vor diesem Hintergrund als das, was er ist: nicht als philosophische Bescheidenheit, sondern als Weigerung, die territoriale Macht von Sprache zur Kenntnis zu nehmen eine Weigerung, die selbst territorial wirkt, weil sie Räume des Unsagbaren schafft und verteidigt. |
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| Der Registerwechsel Luhmann, der die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation so nüchtern wie kein Zweiter beschrieben hat, hat daraus weder Zynismus noch Pädagogik abgeleitet. Seine Beschreibung ist zunächst genau das: eine Beschreibung. Kommunikation gelingt nicht, weil Sprecher und Hörer sich anstrengen, und sie scheitert nicht, weil sie nachlässig sind. Sie ist ein Ereignis, dessen Gelingen oder Scheitern sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Aber wenn Benjamins Überschuss nicht nur Verständigung, sondern auch Pathologie ermöglicht; wenn die Frage, ob die Sprache uns benutzt oder wir sie, nicht abschließend zu beantworten ist; wenn Wittgensteins Grenzverschiebung ebenso gut Befreiung wie Unterwerfung bedeuten kann; wenn die Tautologie der Begrenzung jeden Ausweg innerhalb der Sprache zu blockieren scheint was dann? Was aus der tautologischen Schleife herausführt, ist nicht die bessere Argumentation die verlängert den Loop nur. Was herausführt, ist ein Registerwechsel: der Moment, in dem Kommunikation durch etwas hindurchgeht, was nicht Sprache ist. Atmen, die älteste und selbstverständlichste Form des Austauschs mit der Welt, die kein Zeichen braucht und keine Bedeutung. [1] Körperliche Berührung, die eine Verbindung herstellt, die keine Interpretation benötigt. Praktiken, die den Überschuss offen halten, ohne ihn in eine Bedeutungsschleife zu zwingen nicht gegen die Sprache, sondern durch sie hindurch und über sie hinaus, in einen Raum, in dem Verständigung möglich wird, gerade weil sie nicht sprachlich erzwungen wird. |
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| Sind die Avantgarden solche Registerwechsel gewesen? Die Frage trifft den Kern ihres Selbstverständnisses. Was aber hat es mit der Rede vom Tod, vom Scheitern oder der Erschöpfung der Avantgarden auf sich? Nur weil nicht mehr impressionistisch gemalt wird, würde man wohl nicht behaupten, der Impressionismus sei gescheitert. Alles kommt auf den Anspruch an, der den Avantgardisten von ihren Theoretikern im Nachhinein zugeschrieben wird. Ihn hat Peter Bürger in seiner international breit rezipierten Studie, die das Genre der Avantgardetheorie ebenso wie die seitdem wiederholte Diagnose eines Scheiterns der Avantgarden begründete, auf eine griffige Formel gebracht: „Rückführung von Kunst in Lebenspraxis". In eine Lebenspraxis, wohlgemerkt, die nicht die der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wäre, auch wenn Bürger das Wort „Revolution" geflissentlich vermeidet. Diese „Rückführung" klingt wie ein Registerwechsel: raus aus dem autonomen Kunstregister, rein in die Lebenspraxis. Aber sie war keiner und genau darin liegt, wenn man so will, das Scheitern. Die Avantgarden deklarierten den Wechsel, statt ihn zu vollziehen. Sie formulierten den Anspruch, die Grenze zwischen Kunst und Leben aufzuheben, aber sie taten es mit den Mitteln der Kunst, innerhalb der Institution Kunst, als diskursive Operation. Der Versuch, aus der Sprache herauszutreten, wurde sprachlich formuliert und blieb damit im Sprachlichen gefangen eine Tautologie: der als Kunstwerk vorgetragene Anspruch, kein Kunstwerk mehr sein zu wollen. Duchamp, der das am klarsten durchschaute, zog die Konsequenz: Er hörte auf, Kunst zu machen.? Und die Kunstgeschichte wusste nicht mehr, was sie mit ihm anfangen sollte weil ein tatsächlicher Registerwechsel sich der diskursiven Einordnung entzieht. Er lässt sich nur vollziehen, nicht beschreiben, ohne ihn im Moment der Beschreibung wieder ins alte Register zurückzuholen. Das ist weder Chomskys Zynismus der das Scheitern der Sprache zum Alibi erhebt noch die bevormundende Mahnung, Sprache „richtig" zu gebrauchen. Es ist Sorgfalt unter Risiko: das Wissen, dass Kommunikation jederzeit scheitern kann, dass ihr Gelingen pathologisch sein kann, dass die Tautologie der eigenen Weltgrenzen sich nicht durch Reden aufbrechen lässt und dass dennoch, immer wieder, etwas passiert, das über die Grenzen hinausreicht. Nicht weil die Sprache es leistet, sondern weil der Überschuss, den Benjamin beschrieben und betrauert hat, gelegentlich in etwas mündet, das weder Sprecher noch Hörer kontrollieren: in jene unwahrscheinliche Verständigung, die sich nicht herstellen, aber vorbereiten lässt durch Aufmerksamkeit, durch Sorgfalt, und durch die Bereitschaft, das Register zu wechseln, wenn die Sprache sich in sich selbst verfängt. |
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| Anmerkung [1] Marcel Duchamp gab auf die Frage nach seinem Beruf an: „Respirateur" Atmer. Seine offizielle Beschäftigung war jahrelang Atmen und Schachspielen. Das war kein Witz und keine Pose, sondern die konsequenteste Form des Registerwechsels in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: der Übergang von der Kunstproduktion zu einer nicht-repräsentativen, nicht-zeichenhaften, verkörperten Praxis die paradoxerweise gerade durch ihre Verweigerung des Kunstregisters zum meistdiskutierten Kunstereignis wurde. [zurück] |
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| Quellen Den Hinweis auf den Benjamins Essay „Probleme der Sprachsoziologie" und auf Deleuze /Guattari verdanke ich: „Ich weiß nur, wir werden andere sein“ - Aiki Mira und unsere Zukunft, von Dietmar Dath, FAZ am 14.01.2026. Quelle zu Chomsky und Epstein: Wieso hat sich Noam Chomsky auf Jeffrey Epstein eingelassen? Noam Chomsky : Missbrauch von Frauen? Das ist doch Hysterie! Von Christian Geyer, FAZ, 12.02.2026 |
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